wöchentliche Kolumne

Bild von Brigitte Koischwitz

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Der 15. Mai ist sozusagen das Datum an dem alle Balkonbesitzer frostfrei aufatmen können.

Denn nun ist die Bahn frei für Geranien, Petunien und sonstiges buntes Sommerglück. So habe auch ich gleich die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und meine ganze Schar, die ich liebevoll den Winter über gehegt und gepflegt hatte, in ihr Sommerdomizil nach draußen gesetzt. Mit solch stattlichen Exemplaren ist das eine feine Sache und da sich der Vormittag sehr sonnig zeigte, ließ ich mich in dem Blütenmeer häuslich nieder und weihte somit die Balkonsaison ein. Denn wenn der Sommer richtig loslegt und sich ein heißer Tag an den anderen reiht, sind die Stunden des Tages bei uns sauber eingeteilt. In aller Herrgottsfrühe wird erst einmal für alle Pflanzen und Vögel gesorgt, danach ist mein Lieblingsplatz der Balkon angesagt.

Denn ab Mittag ist man besser im Schatten aufgehoben und den finde ich im Garten unter Bäumen und Büschen allemal. Nun während ich umrahmt von meinen Geranien vom heißen Sommer träumte, fiel mein Blick zufällig auf einen Balken neben mir, der mit seiner stattlichen Dichte für einen stabilen Wintergarten sorgte. Klaffte doch da ein absolut großes Loch, durch das gemütlich eine Maus gepasst hätte. Allerdings befand sich jene Öffnung mehr über meinem Kopf und bekanntlich können Mäuse nicht fliegen. Irgendjemand hatte da in mühevoller Kleinarbeit tief hineingehackt. Als handwerkliche Folge fand sich deshalb ein Häufchen Späne auf dem Boden. Mit anderen Worten, wo sich alle Welt beklagt, dass so viele „Hacker“ im Internet herumwerkeln, tummelt sich bei mir einer auf dem Balkon.

Dabei war mir der Täter gar nicht mal unbekannt. Denn seit einiger Zeit war ich mehr unfreiwillig zum Frühaufsteher mutiert, denn pünktlich etwa kurz nach Sonnenaufgang klopfte jemand, fast täglich, ziemlich energisch an mein Haus, derart laut und heftig, dass ich ähnlich wie im Märchen bei Hänsel und Gretel, fragen musste: „Knusper, knusper, knäuschen, wer knabbert an meinem Häuschen!“ Nun war mir alles klar, es war Herr Specht! Ein kräftiges, buntes Kerlchen, welches sich bereits seit Jahren am Futterhaus mit Kind und Kegel einfand. Was hatte ihn dazu veranlasst, fand er Würmer im Balken oder bereitete er etwa seinen Einzug vor, denn bekanntlich nisten Spechte gern in selbst gezimmerten Löchern. Da ahnst du nichts Schlimmes und schon kommt ein kleiner Meister mit flinkem Schnabel, knabbert dir das Haus unter den Füßen weg und plötzlich hast du einen gefiederten Untermieter.  

Wie sollte ich mich dagegen wehren? „Ganz einfach“, meinte der liebste Mann an meiner Seite, griff nach einem Topf mit Holzkitt und schmierte das Loch zu. Doch kaum war das erledigt und die Aufregung über diese seltsame Geschichte hatte sich gelegt, braute sich neues Unheil über unseren Köpfen zusammen. Wir hatten uns derart auf das „Loch“ konzentriert, dass uns das Spiel der Wolken am Himmel völlig entgangen war. Und tatsächlich türmten sich da graue, bis fast schwarz anmutende Wolkenberge im Westen auf. Leichtes Grollen war bereits aus der Ferne zu hören und erste kleine Tropfen klatschten schon auf meine Zeitung und drohten sie ganz einzuweichen. Eine kräftige Windboe peitschte bereits ziemlich kräftig durch die frisch gepflanzten Geranien. Also wurde schnell alles zusammengeräumt und ins Haus getragen. Gottlob war es nur falscher Alarm, denn so schnell die Wolken gekommen waren, so schnell zogen sie auch wieder ab. Doch unser gefiederter Freund war noch lange nicht mit uns fertig. Da wir nun endlich das Feld geräumt hatten, flog Herr Specht immer wieder mitten durch die Blumen, direkt auf den Balken zu und flatterte einen Moment gleich einem Kolibri auf der Stelle vor dem Loch hin und her und zeigte sich empört über die Schließung. Doch irgendwann hörte er mit dem Geflatter auf und ich lebe nun in der Hoffnung auf einen schönen warmen Sommer und bald auch wieder ausschlafen zu können!