wöchentliche Kolumne

Bild von Brigitte Koischwitz

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Alles hat so sein Für und Wider.

Beispielsweise die Sache mit den Masken, das ist für Frau recht gut, weil Frau nun schneller fertig wird. Denn  außer der Augenpartie, ist vom Gesicht ja kaum noch was zu sehen. In meiner Pubertät wäre ich dankbar für die Maskenpflicht gewesen, denn wie oft prangte mitten auf dem Kinn ein satter Pickel, den man ungern der Öffentlichkeit präsentierte. Jener ließ sich nämlich mehr recht als schlecht hinter einem Pfund Make up verbergen. Na ja und wo sich hier und da schon reichlich Falten zeigen ist eine Maske sogar zweckdienlich, dies alles zu verstecken. Doch bei einigen ist es ein wahrer Jammer, dass all die Schönheit ungesehen dem Alter entgegensaust.

Gestern beispielsweise traf ich mal wieder eine Freundin, eine ganz liebe Freundin, wo, na wo schon, beim Einkaufen. Dem Motto nachfolgend, „so jung kommen wir nie wieder zusammen“, packten wir die Gelegenheit beim Schopfe und ließen uns zu einem Käffchen in der kleinen Cafeteria des Marktes nieder. Am Platz angekommen legten wir mit der befreienden Bemerkung,  “endlich runter mit den Dingern“, unsere Masken ab. Tja und da musste ich in  pure Begeisterung ausbrechen, denn mein Gegenüber bot einen überaus ersprießlichen Anblick: „Meine Güte, du wirst ja immer schöner!“

Tatsächlich erfüllte diese meine Freundin Nora alle wohlgefälligen Kriterien, an denen unsereins mühsam herumbrezelte. Ihr Teint war leicht getönt, dazu lange, gut getuschte Wimpern und dezent fasst natürlich geschminkte Lippen, also rundum ein filmreifer Anblick. Ein Jammer, dass so viel Schönheit im Verborgenen blühte. Doch bei aller Bewunderung gab es sehr bald ernsthaften Gesprächsstoff über Politik, Inflation, Pandemie und sonst noch anderen Kalamitäten, die zur Zeit die Welt bewegen. „Es ist im Moment nicht einfach“, folgerte ich daraus. „Da sagst du etwas, ich hatte da grad so mein Erlebnis“, Nora wurde plötzlich völlig lebendig. „Ich sage dir, das Leben ist ganz schön schwer, so wie vor ein paar Tagen.

Mein Chef hatte die Belegschaft zu einem Essen in eine noble Waldschenke am absoluten Ende der Welt eingeladen. Kein Mensch hätte vermutet, dass nach etlichen Straßen mitten durch finstersten Märchenwald, wo jeden Augenblick Rotkäppchen samt Wolf auftauchen konnte, solch nobler Schuppen existierte. Ein herrlicher Abend und schrecklich gemütlich mit gutem Essen am Kaminfeuer und allem drum und dran. Da kannst du dir den Kulturschock ausmalen, der mich überfiel, als ich mich bei Nieselregen über einen stockdusteren Parkplatz zu meinem Auto hintasten musste. Mit fröhlichem Hallo verabschiedete man sich voneinander, aber nachdem sich der anfängliche Konvoi aufgelöst hatte,   fuhr ich plötzlich mutterselenallein durch tiefschwarzen Wald.

Und nicht nur das, denn ebenso plötzlich  trällerte meine automatische Tankansage: ‚Bitte unverzüglich tanken!’ Da krausten sich mir die Nackenhaare. Denn das Auto mit dieser Einrichtung hatte ich noch nicht lange, also wusste ich auch nicht, wie weit der Sprit für diese Fahrt noch reichen würde. In diesem Moment, so tief verwurzelt mit der Natur  und fern von daheim, überfiel mich absolute Verlassenheit. Denn wo sollte hier eine Tankstelle sein, zudem hatte zu so später Stunde kaum noch eine geöffnet, denn es ging auf Mitternacht zu! Mit dieser ständigen Ansage im Minutentakt im Nacken, „bitte unverzüglich tanken“,  kostete ich in mühevoller Kleienarbeit alsbald jede Stelle der Strecke, wo es bergab ging, aus, indem ich den Fuß vom Gas nahm und mich rollen ließ.

Im Schleichtempo, so um die 4o Stundenkilometer, bewegte ich mich voran. Kein Wunder, dass links ein Hase und rechts ein Igel auftauchte und mit Sicherheit haben sie sich bei meinem Anblick ‚Gute Nacht’ gesagt.“  Nora hatte sich derart bei ihrer Berichterstattung ereifert, das sich ein kräftiges Rot auf ihre Wangen legte, doch niemand außer mir hat es gesehen, denn alsbald standen wir auf und legten die Masken wieder an.     

    

Artikel über 30 Jahre Kolumne von Brigitte Koischwitz:

Hinterländer Anzeiger