wöchentliche Kolumne

Bild von Brigitte Koischwitz

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Der Plausch am Zaun wird in unserer Nachbarschaft verhältnismäßig gut gepflegt. Das heißt bei uns werden die Neuigkeiten aus dem Dorf  stets in epischer Breite zelebriert. Das ist eine total gemütliche Angelegenheit. Vor unserem Tor steht nämlich eine rote Bank, auf der man sich gemächlich niederlassen kann. Unser Tor ist etwa 1,2o Meter hoch also gerade so, dass man sich mit den Armen auflümmeln kann und somit eine lange Standfestigkeit garantiert ist, um an allen Nachrichten teilzunehmen. „Ach was, die jungen Leute die da zugezogen sind, haben ein neues Auto?“  „Ein Elektroauto, ganz schön wagemutig hier auf dem Dorf, was machste, wenn der Akku leer ist und du musst  schnell weg?“

„Du kannst doch Zuhause  den Stecker einfach in deine Steckdose stecken, das dauert ziemlich lange aber es klappt!“ „Ich weiß nicht, ich glaube das ist alles kaum durchdacht! Stell dir vor du bleibst mitten auf der Landstrasse liegen. Da kannst du nicht einfach den kleinen Fünflitertank schnappen und eben mal zu Fuß zur Tanke laufen! Oder mal eben das Kabel von zu Hause bis dahin aufrollen. Und ’nen Akku wirst du auch nicht so einfach durch die Gegend schleppen können. Ich weiß nicht wie das noch werden soll, denn jetzt auf der Autoausstellung in München stellt Mercedes fast nur noch Elektroautos vor!“ Doch mitten in diese hochaktuelle Diskussionsrunde über zukünftige Energien, hüpfte ein völlig neues Thema.  

Denn plötzlich hoppelte ein zimtfarbenes kleines Wesen den grünen Wiesenweg direkt vor unserer Nase Richtung Wald hinauf.  Und der Verwunderung nicht genug, schnupperte ein zweites winziges Ding ein paar Meter von uns ebenso plötzlich am nachbarlichen Zaun. Die Damen klinkten gleich aus: „Schaut doch nur, kleine  putzige Hasen, oh wie niedlich, wo kommen die denn her?“ Nun das fragte man sich allgemein, zumal im Herbst kaum Hasen geboren werden, das passiert eher im Frühling. Doch bevor über die Geburtenrate von Meister Lampe weiter diskutiert werden konnte, erschien ein drittes „Hasenbaby“ auf der Bildfläche.  Ohne die verwunderten Menschen zu beachten tummelte sich die kleine Schar  im Gras und strebte langsam aber sicher dem Wald entgegen. Doch nach längerem Hinsehen stellte einer der Nachbarn fest, „Kinder das sind keine Hasen, das sind Kaninchen!“

Und schnell ging allen ein Licht auf, „das sind die Zwergkaninchen von der Andrea!“ Ach du liebe Güte, da kam aber Bewegung in die Gesellschaft, denn die vorwitzigen Racker waren wohl aus ihrem Käfig ausgebüxt und Nachbarin Andrea war grad nicht zu Hause. In solch einem Fall gibt es kein langes Überlegen, die Tiere müssen eingefangen werden! Doch das war mal wieder leichter gesagt als getan, denn  selbst Kaninchen sind fünfmal schneller als der Mensch. Also gab es ein wildes Gerenne und Gehoppel. Die Damen trippelten in ihren Sandalen hinterher und die Männer versuchten es mit großen Schritten und lautem Aufstampfen.

Doch beide Gangarten konnten die Tierchen nicht erschüttern, immer wieder fanden die geschickten Flitzer irgendwelche Schlupflöcher. Schweißgebadet und völlig außer Atem wurde somit entschieden: ein Plan musste her! Herbert ein kräftiger und muskulöser Nachbar wurde als Fänger  an der Mauer postiert und der Rest der Truppe betätigte sich als Treiber. Mit anderen Worten die eingangs gemütliche Gesprächsrunde mauserte sich zu wüstem Gerangel.  Doch der Einsatz wurde bald von Erfolg gekrönt. Herbert mutierte zum „Kaninchenflüsterer“ und packte beherzt ein eingekreistes Kaninchen nach dem anderen beim Schopfe. Somit landeten alle wieder wohlverwahrt im heimischen Käfig. Völlig aus der Puste und triefnass geschwitzt, aber doch überglücklich gab man sich einander alle „Fünf“ und stellte fest: „Nur gemeinsam sind wir stark!“      

Artikel über 30 Jahre Kolumne von Brigitte Koischwitz:

Hinterländer Anzeiger