wöchentliche Kolumne

Bild von Brigitte Koischwitz

Eine Nutzung dieses Textes – welche Art auch immer – bedarf der schriftlichen Zustimmung unseres Verlages

Fango reimt sich zwar auf Tango, doch sind das zwei Welten, wie sie unterschiedlicher nicht sein können.

Tango, dabei handelt es sich um eine Hochform körperlicher Disziplin! Da gerät man grad ins Schwärmen, weil sich hier Leidenschaft und südliches Temperament miteinander paaren. Absolut mitreißend anzusehen, wenn  zwei fast ineinander verschmelzende Körper leichtfüßig und wendig,  wie schwerelos über die Tanzfläche schweben, um aber dann auch wieder in schnittig, zackigem Rhythmus die Richtung zu ändern. Eine musikalische und sportliche Leistung, die die Tanzenden ohne mit der Wimper zu zucken und mit forschem Blick absolvieren.

Der Betrachter  dagegen kommt allein vom Zuschauen aus der Puste, ganz besonders wenn der Herr die Dame mit dem Oberkörper links, rechts, auf und nieder in die Kurve schmeißt. Völlig atemlos verfolgst du als Mitglied der Fangoliga dieses körperintensive Treiben, denn das einzige was bei dir an Körper miteinander verschmilzt ist im Höchstfalle der Rücken mit der Fangomatte.

Doch bis es zu diesem heißen Punkt überhaupt kommt, ist erst ein mühevoller Weg zu starten. Ganz zu schweigen davon, wie lange du brauchst, um dich bis in die heiligen Liegehallen zu schleppen. Dort wirst du zwar liebevoll von freundlichen Schwestern empfangen und zum Lager geleitet, doch was dann kommt verlangt eine ordentliche Portion Tapferkeit von dir. Denn alsbald wird dir mit einem gewinnenden Lächeln eine Packung Mineralschlamm vulkanischen Ursprungs, genannt Fango, serviert, in den du dich mit splitterfasernacktem Rücken hineinlegen musst.

In dem Moment, wenn Körper und Vulkanasche aufeinandertreffen, vergeht dir für Sekunden jedes Lächeln.  Doch ebenfalls Sekunden später, wenn du platt wie eine Flunder mit dieser heilsamen Wärme eins geworden bist, beginnt der himmlische Teil. Die heilenden Mineralien durchströmen deinen Körper, der Geist schmilzt und schon gleitest du ab ins Tal der Träume, denn plötzlich fühlst auch du dich, wie die Herrschaften beim Tango, völlig schwerelos! Bei soviel Geschwebe kann es schon mal passieren, dass ein leises Schnarchen dir entgleitet, weil du grad vom Tanzen träumst und mit frisch geölten Gelenken durch die Gegend fliegst.

Vielleicht zeigt sich gar ein friedliches Lächeln auf deinem Gesicht. Doch keine Angst der Wecker klingelt und die Wirklichkeit, sie greift gnadenlos nach dir! Das sind schreckliche Momente und fühlen sich an, als ob du aus zwei Meter Höhe mit vollem Gewicht auf die Erde plumpst. Diesen Schock abzubauen, dabei hilft nur ein spontaner Weg in die Cafeteria, um sich mit einem Kaffee zu trösten. Doch welch Wunder schon auf dem Weg dorthin stellst du mit Erstaunen fest, dein Gang ist leichter, locker und Galaxien besser jetzt nach deinem Fangoeinsatz und du fühlst dich stark, mindestens für einen kleinen Tango! 

Foto von Linda Wiegand