wöchentliche Kolumne

Bild von Brigitte Koischwitz

Eine Nutzung dieses Textes – welche Art auch immer – bedarf der schriftlichen Zustimmung unseres Verlages!!

Wenn man unterwegs einander begegnet, wird meist gefragt, „wie geht es dir“, wer aber  möchte schon zwischen Brötchentheke und Kassengewusel seine Wehwehchen auspacken? Also beschränkt man sich auf die Antwort, „gut geht es“, und um einen kleinen Scherz hinzuzulegen, „ich kann nicht besser klagen!“ Hi hi! Die Wirklichkeit sieht oft, im stillen Kämmerlein ganz  anders aus. Wenn du früh aufstehst, reicht es manchmal schon alle morgendlichen Aktivitäten in den Griff zu bekommen, weil es hier kneift und dort ziept. Letztes Wochenende ziepte  es bei mir überall und ich habe nicht nur still vor mich hingejammert. Das geht der Umwelt auf die Nerven, deshalb wurde beschlossen, „am Montag bemühen wir uns als erstes um einen Arzttermin!“

Wie gesagt, so getan, gleich nach dem Aufstehen wurden die Telefonnummern rausgesucht und los ging’s. Bei der ersten Nummer ertönte direkt nach der Durchwahl ein schrill abweisendes Besetzzeichen. Auch nach mehrmaligen Versuchen keine Chance, es blieb besetzt. Nun da mehrere Wehwehchen auf dem Zettel standen, wurde gleich die nächste  Nummer gewählt. Hier oh Wunder meldete sich sofort eine freundliche Stimme und winkte auch sofort mit einem Termin, mein Herz hüpfte vor Freude! Doch  die Dame blätterte und blätterte in ihrem Kalender, dann verkündete sie, „2. September morgens 8 Uhr wäre noch etwas frei“! Ich traute meinen Ohren kaum, auch mein Herz hörte prompt auf zu hüpfen, denn Hilfe war jetzt nötig und nicht erst in drei Monaten!

Also versuchten wir es mit einer weiteren Nummer in einer anderen Stadt. Nach einigen Fehlversuchen, endlich ein Rufzeichen welches durchging und sehr bald auch eine Stimme mit der Nachricht: „Sie sind Anrufer Nr. 6“! Das klang absolut vielversprechend, sechs Kandidaten ließen sich leicht auf einer Backe absitzen. Aber wir hatten nicht mit der Ausdauer eines Anrufbeantworters gerechnet. Denn die Sache mit „Anrufer Nr. 6“ wurde mindestens dreiundzwanzig Mal wiederholt, wobei uns in den Pausen zwischen den Ansagen stets ein Hoffnungsschimmer trug, der aber schnell wieder wegbröselte. Deshalb kann man sich vorstellen, welche Glückseligkeit uns erfasste, als es hieß, „Sie sind Anrufer Nr. 5!“  Als Folge dieses Glücksgefühls wurden derart viele Endorphine ausgeschüttet, dass spontan sämtliche Selbstheilungsprozesse im Körper ausgelöst wurden. Ein Arztbesuch hätte sich beinahe erledigt! Trotzdem gaben wir  nicht auf, zudem wir während der 5. Ansage in Ruhe mit dem Frühstück beginnen konnten. Platz vier und drei ließen wir entspannt während des Frühstücks an uns vorbeilaufen.

Doch als wir den 2. Platz erreichten, ergriff uns absolute Karnevalsstimmung, die uns ausgelassen mit den Kaffeetassen zuprosten ließ. Wie gewohnt blieb uns auch diese Tatsache lange erhalten, sodass wir unser Glück rundum auskosten konnten.  Platz eins, brachte uns schier gänzlich aus dem Häuschen. Völlig aufgelöst, hielt ich mit zitternder Hand das Telefon, um ja nichts falsch zu machen, oder gar etwas zu verpassen. Plötzlich überfiel mich blanke Angst, der Akku könne genau auf den letzten Metern vor dem Ziel seinen Geist aufgeben, nicht auszudenken! Denn neulich herrschte im wahrsten Sinne des Wortes mitten im Gespräch plötzlich absolute Funkstille, nichts niemand war mehr zu hören.  Also fühlte ich mich wie auf einem Schiff bei Windstärke zwölf, hin und hergeschmissen zwischen Freude über den ersehnten Platz, Angst, die Technik könnte versagen und der innigen Hoffnung, alles würde doch noch klappen. Also höchste Alarmstufe kurz vor dem Ziel! Endlich dann der ersehnte Augenblick mit  dem Satz, „ihr Anruf wird jeden Moment bearbeitet“. Als würde ein ganzes Feuerwerk gezündet, badeten wir in einem unermesslichen Freudentaumel. Kaum zu bremsen waren wir allerdings, als auch noch ein kurzfristiger Termin möglich wurde. Hier zeigt sich Geduld zu haben, ist wahrlich ein hohes Gut!