wöchentliche Kolumne

Bild von Brigitte Koischwitz

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Was könnte diese Menschheit  leisten, wenn da der innere „Schweinehund“ nicht wäre. Wir würden alle rank, schlank, beweglich und völlig gesund ernährt des Weges hüpfen. Für einen Gesundheitsscheck wurde ich neulich gemessen und gewogen. Bei der ausführenden ärztlichen Assistentin handelte es sich um eine Person, die an jenem Morgen wohl mit dem falschen Bein aus dem Bett gestiegen war. Ziemlich wortkarg und mit griesgrämiger Mine führte sie  alle diese Messungen durch und teilte mir kurz und knapp die Werte mit.

Allerdings Werte, die ich bis dahin absolut nicht kannte, denn mir fehlten plötzlich vier Zentimeter bei meiner Körpergröße, aber dafür servierte sie mir sieben Kilo mehr als meine Waage je angezeigt hatte. Also tendierte  ich stark zur Form eines Kugelfischs. Jedenfalls  überfiel mich schlagartig dieses Gefühl! Dabei trug mich die volle Überzeugung, mich in letzter Zeit bewusster mit dem Essen verhalten zu haben. Also befand ich mich im Zustand totaler Fassungslosigkeit. Um mich aufzufangen, gab es allerdings keine tröstenden Worte wie: “Na so schlimm ist es ja gar nicht“, oder „sie sehen aber viel schlanker aus“, oder „sicher haben sie schwere Knochen!“ Einfach so ein paar nette Worte die den Schock leichter machen.

Sie ließ die Werte drohend, schwebend im Raum und auf mein, „ach du liebe Güte,“ erwiderte sie nur ein knappes hartes „tja“, dabei musterte sie mich mit tadelndem Blick und meinte: „Gewichtsreduzierung kann mitunter sehr heilsam sein und spart viele Medikamente!“ „Hups“, da fiel selbst mir nichts mehr ein, denn trotz dieser etwas unhöflichen Art, war mir klar, die Frau hatte keinesfalls Unrecht. Aber an was sollte man denn nun glauben? Neulich wurde in einem Artikel über unseren „Schlankheitswahn“ dringend davor gewarnt, sich dauernd mit Magerprodukten zu kasteien. Besser sei es, das zu essen, was einem schmeckt. Dabei werden Glückshormone ausgeschüttet und die stärken das Immunsystem. Im Zeitalter von Corona kein schlechter Gedanken!

Was mich anbelangt konzentrierte ich mich auf die Stärkung der Abwehrkräfte und zelebrierte herrliche Teestunden mit köstlich nach Zimt und Schokolade duftendem Weihnachtsgebäck. Schließlich schmecken diese Leckereien  jetzt am besten, als erst zum Fest nach monatelanger Lagerung. Aber nach diesem schockierenden Messergebnis schaute mir das schlechte Gewissen bei jedem Keks über die Schulter. Zudem gab es auch noch jenes Kleid, in welches ich mich dringend hineinhungern wollte. Also entschloss ich mich für die Formel fdH und mehr Bewegung. Dazu wurde eigens ein Speise- und Bewegungsplan entworfen, ausgedruckt und an die Kühlschranktür gehängt.

Beide, der liebste Mann und ich, schworen  diesmal die Sache durchzuhalten. Doch irgendwann standen wir vor dieser zähen Hürde mit dem inneren „Schweinehund“! Jener Lümmel flüsterte uns fortwährend kleine Leckereien ins Ohr. Deshalb haben wir uns dann bereits nach drei Tagen totaler Abstinenz beim Naschen erwischt. Zudem schien die Waage  völlig defekt zu sein, denn trotz allem Verzicht rührte sich das Luder nicht einen Strich nach unten. Ja, und dann war da dieser Geburtstag mit all den Torten und dem üppigen Abendbrot und wer möchte schon in dem fröhlichen Gewusel Spielverderber sein? Keiner! Mit anderen Worten das ganz normale Leben hat uns wieder!  

Foto von Linda Wiegand