wöchentliche Kolumne

Bild von Brigitte Koischwitz

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Der Mensch ist ja bekanntlich ein Gewohnheitstier.

Deshalb erklärt sich auch, trotz Klimawandel hin und her, dass wir in den letzten Wochen des Winters die frühlingshaften Temperaturen recht dankbar hingenommen hatten. Nicht nur, dass man mit den Nachbarn  bei 10 Grad plus, selbstverständlich bei Einhaltung aller Abstandsregeln, gemütlich Glühwein am Zaun verkosten konnte, trugen auch anderweitig diese Temperaturen ihren Nutzen in sich. Gemeint ist damit das leidige Freikratzen diverser Autoscheiben, in einer Freiluftgarage. Wenn zu allem Übel dann auch noch die Zeit drängt, weil man, wie schon oft, mal wieder auf den letzten Drücker unterwegs ist, kann dieser Arbeitseinsatz sich zu einem eisigen Spektakel mausern. Weiterhin erschwerend gestaltet sich dann noch die Suche nach einem helfenden Gerät, welches aber, eben weil noch nie gebraucht in diesem Winter, in den unendlichen Abgründen des Kofferraums versunken ist.

Total verzweifelt sparen wir uns diese Suche und greifen fix nach irgendwelchen kratzer-ähnlichen Gegenständen, wie Parkscheibe, Kamm,  Scheckkarte oder dem grad aus der Apotheke geholten blauen digitalen Impfausweis. Bei solch einer Beschreibung neigt der Leser schon mal zur Schnappatmung, aber was tut der Mensch nicht alles, wenn es schnell und effektiv sein muss. Mir war an diesem Tag das Schicksal hold, ich fand auf Anhieb die entsprechende Gerätschaft. Dabei handelte es sich um eine recht üppige Ausführung mit integriertem Besen und langem Stiel in quietschgelb, also kaum zu übersehen!

Ein Glücksfall würde jeder denken! Doch wie bei allem Glück gibt es stets einen Haken. So auch hier! Der lange Stiel erwies sich in der Handhabung  als sehr ungelenk, deshalb dauerte die Kratzerei erheblich länger. Da meine sämtlichen Handschuhe noch in einer wohlverwahrten Wollkiste schlummerten, hantierte ich natürlich mit völlig nackeligen Händen herum. Dabei verfügte ich über ein ganzes Arsenal wärmender Objekte, in den unterschiedlichsten Farben und Formen. Eins davon hätte ich aber erst einmal langen müssen und das hieß: zur Haustür zurück, aufschließen, suchen, hoffentlich schnell finden, Haustür wieder abschließen und zurück zum Auto!

Ein Zeitaufwand, den ich mir nicht leisten konnte! Also kroch die Kälte, die schon meine Fingerspitzen zu tauben kleinen Eisperlen gefrostet hatte, ungehindert  über die gesamten Handflächen bis in die Handgelenke. Auch die Füße meldeten bereits einen erheblichen Wärmeverlust, was mich dazu veranlasste, schnellstmöglich im Auto Platz zu nehmen. Doch was ich da erblickte, nahm mir vollends den Mut, meinen Termin rechtzeitig zu schaffen. Die gesamte Windschutzscheibe zierten von innen Eisblumen in bizarr schönsten Formen. Eigentlich ein wunderschöner Anblick. In meiner Verzweiflung wollte ich jedoch ein Taxi rufen.

Da klopfte plötzlich jemand an die Scheibe. Ein lieber Nachbar fuchtelte mit einer weißen Sprayflasche herum und forderte mich gestenreich auf, doch mal das Fenster zu öffnen. Im ersten Moment dachte ich, er wollte meine Hände desinfizieren. „Hallo Mädel,  mach es dir nicht so schwer, hier sprüh diesen Enteiser auf die Scheiben und  ruckzuck ist alles fertig!“  „Du bist mein rettender Engel, bei so wenig Winter hatte ich glatt diese bequemen Möglichkeiten vergessen!“ Dank der nachbarlichen Hilfe, machte ich mich schließlich beruhigt auf den Weg und kaum zu glauben, erreichte ich mein Ziel absolut pünktlich. Zudem schien es mein absoluter Glückstag zu sein, immerhin fand ich mitten in der Stadt sofort einen Parkplatz. Als ich in der Büroetage ankam, leuchtete mir allerdings schon von weitem ein Schild entgegen mit der Aufschrift: „Wegen Erkrankung unserer Mitarbeiter ist unsere Geschäftsstelle vorübergehend geschlossen! Neue Termine können sie mit uns telefonisch vereinbaren!“ 

War wohl doch kein Glückstag!

 

Artikel über 30 Jahre Kolumne von Brigitte Koischwitz:

Hinterländer Anzeiger