wöchentliche Kolumne

Bild von Brigitte Koischwitz

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Man kann behaupten, dass ich jahrelang und das täglich, in unserem Wohnzimmer an einem Regal vorbeigelaufen bin, in dem mindestens fünfzig wenn nicht noch mehr, CD`s fein säuberlich eingeordnet stehen. Wer nun denkt sie hätten da völlig unbeachtet vor sich hingedümpelt, der irrt, ab und an wurden sie feinsäuberlich abgestaubt. Aber ansonsten hatten sie an Beachtung eine Menge eingebüßt. Doch sie entsorgen dafür waren sie wieder zu wertvoll, denn manche waren zu ihrer Zeit wahnsinnig teuer gar vom Mund abgespart. Also dienten sie letztendlich nur noch als Dekoration. Und jetzt im sommerlichen Treiben, weil man sich mehr im Garten aufhielt, hatte es sich zu allem Überfluss auch noch eine Spinne in der Klassik bei Mozart und sonstigen kuscheligen Opern gemütlich gemacht.

Gnadenlos akribisch hatte sie ein Netz gespannt über Beethovens Neunte bis zu Elvis „love me tender“  und Tina Turners „privat dancer“. Diese Entdeckung löste in mir ordentlich Wehmut aus und ich fragte mich, wie es so weit kommen konnte. Die Frage war schnell beantwortet: neue Techniken überzogen das Land, die die Bequemlichkeit des Menschen pflegten. Denn wer schleppt schon gern eine schwere Kiste Schellackplatten mit sich herum auch hat kaum jemand Lust ein Kasettenband auseinander zu pfriemeln.

Selbst die anfangs so praktischen und leichten CD’s hatten ihre Mucken, denn wenn zu oft gespielt, begannen zu tuckern und zu hüpfen, oder blieben an ein und derselben Stelle hängen. Das alles  braucht der Mensch nicht mehr. Heutzutage sitzt du gemütlich im Sessel und trötest in den Raum: „Alexa spiel ‚stranger in the night’ oder ‚New York, Nw York’“ und schon steht Frank Sinatra  im neben dir. Bei solch bequemem Service ist es kein Wunder, dass die alten Techniken an Begehrlichkeit verloren haben. Außer dich packt die Wehmut bezüglich der alten Stücke, die dich einst auf liebevolle Weise durchs musikalische Leben trugen.

So ging es mir, energisch  entfernte ich das wohlgeformte Netz, was seiner Erbauerin, einer langbeinigen Zitterspinne,  in keiner Weise behagte, weshalb sie in aller Eile das Weite suchte.  Fast verklärt nahm ich anschließend Stück für Stück der kleinen Plastikvierecke in die Hand und begann die Titel und Interpreten zu lesen. Als mir „Over the Rainbow“ von dem hawaiischen Sänger Israel Kamakawiwo’ole in die Hände fiel, war ich nicht mehr zu bremsen. Ich wollte sofort dieses Lied auflegen. Aber so sehr ich mich auch umschaute, musste ich mit Erstaunen feststellen, dass es nirgendwo einen CD-Player mehr gab, unmerklich waren diese Geräte in der Versenkung verschwunden.  Also kletterte ich die Stiege zum Boden hinauf und wurde dort fündig.

Neben dem alten Plattenspieler und diversen Radio-Kasettenrekorderkombinationen schlummerte auch ein CD-Player. Ich zog mir einen ausrangierten Bürostuhl herbei und setzte mich, um zu lauschen. Verständlich, dass mich irgendwann der liebste Mann an meiner Seite im häuslichen Bereich vermisste. „Was machst du denn da oben auf dem Boden?“ „Ich höre Musik!“ Ich glaube er konnte nicht so ganz fassen, was ich da trieb. In diesem Augenblick trennten uns im wahrsten Sinne des Wortes Welten. „Na die kannst du doch hier unten hören!“ „Nee ich hör ne CD!“ „Ne CD?“ Für Sekunden zweifelte er sicher an meinem Verstand. Aber ich hatte ihn neugierig gemacht. Und die Neugier ist bekanntlich jene Kraft, die die Menschheit vorwärts streben ließ. Also stieg er die Treppe hoch zu mir. Ich gestehe, wir hatten längere Zeit dieses Terrain nicht betreten. „Ach hier ist ja noch mein alter Plattenspieler“, freute sich der liebste Mann „und meine Plattensammlung: Jimi Hendrix, Rolling Stones, ist ja toll, dachte schon wir hätten die entsorgt!“ Kurzum wir verbrachten den Rest des Nachmittags da oben und schwelgten glücklich in den Techniken der Vergangenheit